Vom Rest des Burgbergs, den Nachtwächtern und Lessings Gaststätte

„Unsere besondere Freude war es, den Burgbergrest unsicher zu machen, um die Nachtwächter aus der Reserve zu locken.“ So schrieb es Paul Rasche (geb. 1868 – gest. 1942) in den „Heimatlichen Dämmerstunden“ im Jahre 1931.

Es war ja verboten den Burgbergrest zu betreten da kamen sie dann auch – allen voran Vater Werner, der sofort seine Trillerpfeife in Einsatz brachte. Jetzt kamen auch sofort seine Kollegen, Vater Günter vom Topfmarkt Vater Böttcher aus der Leipziger Straße und Vater Lindemann aus der Kirchstraße. Alle schimpften: „Ihr Flegel, Rotzjungs kommt sofort runter vom Berge!“ Aber es half nichts. Wir blieben oben und verhielten uns Muxmäuschenstill. An der Lohe, das war der Verbindungsweg zwischen der Mühlstraße und dem Mühlberg (heute 2025 das Haus Nummer 23/ Anm. d. Red.) in der Mühlstraße, auf der rechten Seite ist es das erste Haus. Von da ging der Weg, auch Schlossfreiheit genannt, rüber zu Mühlberg wo es einst eine Lohgerberei gab – daher der Name Lohe.

Überall suchten sie uns in der Dunkelheit. Auf dem Burgbergrest trauten Sie sich nicht. Von oben hörten wir sie rufen: „Kommt bloß herunter, ihr Halunken!“. Wenn’s nun vergeblich war, dann trottete der durstigste von ihnen vom Schlossbrunnen an der Lohe, vorbei zur Mühlstraße und runter zu Lessing Gaststätte zum deutschen Schwert. Sie befand sich in der Mühlstraße, das vorletzte Haus rechtsseitig, bevor es in die Straße zum Wasserwerk geht. Günter, August vorne weg und die anderen, ebenso durstig, hinterher. „Bei Lessings erwischen wir die Rotzer bestimmt, denn sie werden auch in die Kneipe kommen.“. August hatte schon drei Bier weg, ehe die anderen eines ausgetrunken hatten. Wir, die verfolgten vom Burgberg, sind tatsächlich in Lessings Restaurant gekommen. Wir waren dann aber klug genug, allen versammelten Nachtwächtern Bier zu spendieren, was dankend angenommen wurde. Von einer Anzeige gegen uns Burgrestbesteiger nahm Vater August großzügig Abstand. Widerstand zu leisten wäre auch keinem von uns eingefallen. Unser nächtlicher Sturm auf dem Burgbergrest mit seinen noch zum Teil vorhandenen Pflaumenbäumen war also glimpflich ausgegangen.

Erwähnt sei noch die alte Zucker-Richtern vom Kolonialwarenladen aus der Mühlstraße, die in Lessings Gaststätte am Abend noch erzählte, sie habe als Kind auf dem großen Burgberg, den Kanonendonner von der Völkerschlacht 1813 gehört. Auch die Frau vom Gastwirt zum deutschen Schwert, Mutter, Lessing, geborene Reinicke, die Tochter vom letzten Amtsfrohnen vom Schloss Berge, erzählte uns Geschichten vom alten Burgberg und dem Schlossbrunnen am Mühlenberge sowie von der steinerne Treppe, die vom alten Berge runter zu Lessings Gasthof führte. An kalten und nebeligen Tagen soll dort ab und an gegen Mitternacht eine Frau in weißen, wehenden Gewändern die Treppe herunter geschwebt sein. Dies sind in meinen Erinnerungen unvergessene, wunderbare und unterhaltsame Abende in Lessings Gasthof zum deutschen Schwert.

Quellen:

Heimatliche Dämmerstunden von 11.7.1931, zweite Beilage Nummer 160.

Heimat Blätter vom 30.4.1938/ vierter Jahrgang, Nummer vier.

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