„Du kannst mal das Aufgeschriebene bei Mutter Focken holen und dann zum Fleischer ein Pfund Schüsselsülze für 40 Pfennige mitbringen. Bleib nicht so lange! sagte meine Mutter“. Also ging ich zuerst zu Mutter Focke – das schrieb Paul Rasche (geb. 1868 – gest. 1942) in den 1930er Jahren und bezog sich dabei auf seine Kindheit in den 1870ern.

(Heute, 2025, steht dort ein neugebautes Haus, die Mühlstraße Nummer 16.) „Bleib nicht so lange“ war leicht gesagt, denn dort gab es so viel zu sehen. Schon der eigenartige vier Fruchtgeruch, der den Laden erfüllte. Der Polizist Kitzinger kam auch öfters mal vorbei, um angeblich nach dem Rechten zu sehen, in Wirklichkeit um sich ein, zwei Schnäpschen zu genehmigen. Die Kolonial- und Materialwaren, (Lebensmittel) füllten ganze Regalreihen. Bonbons und Essenzen, umsäumt vom Sauerkraut und Gurkenfass, der Heringstonne, Töpfen mit Bauernkäse von allen Sorten, bestem Geruch und Geschmack. In der Ecke standen die Dübener Reißigbesen, grüne Leinkuchen nebst einer Kiste mit Streu und Scheuersand. An der Ladentafel standen die kleinen Gläschen zum Probieren von Nordhäuser Doppelkorn und Getreidekümmel. Da waren auch noch die Kannen mit Rübenölen, Mohn, Öl und Sirup. Der Elster-Fischer Herr Ritter lieferte im Sommer noch Strohbücklinge aus der weißen Elster. Im Laden wurde als Einpackpapier gelbes Strohpaier benutzt. Da es leicht aufweichte, kam besondere Freude auf wenn sich das Sauerkraut inzwischen im Handkorbe verehelicht hatte und die Heringsbrühe in die Zuckertüte geraten war.


Ich sehe immer noch die alte, wie sie mit Grazie eine saure Gurke aus dem Fass zelebriert und dann das Rüböl für die Funzellampen einfüllte. Eine Öllampe gab es früher in jedem Haushalt. Strom gab es damals nicht. Wenn das Rübenöl mal ranzig geworden war, dann verbreitete sich beim Brennen der Lampe der üble Geruch durchs ganze Haus, durch alle Ritzen und ging durch Mark und Bein. Im Herbst zur Pflaumenzeit wurde in den hinteren Räumen des Ladens Pflaumenmus gekocht. Da ergab es sich einmal, dass ein zur Familie gehörender Jüngling an der Reihe war, die kochende Mußbrühe zu rühren, damit sie nicht anbrannte. Das ging so bis in die Nacht hinein. Auf dem Kesselrand stand eine Öllampe und es kam, wie es kommen musste, der Jüngling schlief beim Rühren ein kam an die Öllampe und diese viel ins Pflaumenmus. Sofort herrschte ägyptische Finsternis. Der Jüngling schreckte auf, aber wie ist der Zufall wollte kam seine liebste Paulinchen vorbei, sah die Bescherung und half natürlich ihrem Liebsten. Sie holte eine neue Öllampe und fischten die andere aus dem Mustopf. Gemeinsam rührten Sie das fertige Mus durch ein Sieb und kennzeichneten die Masttöpfe mit dem Rüböl. Diese wurden dann der Kundschaft als neue Geschmacksrichtung präsentiert. Man sieht, was man mit Liebe tut, das geht noch mal so gut. Der Jüngling hat dann Paulinchen besonders herzlich gedankt.

Im Laden gab es auch ZICHORIE, zum Kaffee dunkler machen, Streichhölzer und Saft der Schwarz wie Tinte war. Auf der alten großen Waage wurde alles, nicht zum Schaden von Mutter Focke, gewogen. Dafür gab es aber dann für die Kinder gratis Bonbons, die irgendetwas besonders schmackhaft machten. Heute als älterer Mann denke ich manchmal daran. Aber ich glaube ich möchte auch heute lieber nicht wissen, was in den Bonbons war.


Erwähnt sei kurz noch der Kolonialwarenladen von Herrn Kunze, später Nietzschmann in der Eisenbahnstraße (heute, 2025, Friedrich-Ebert-Straße) kurz vor dem Markt. Seine treueste Kundin war Selters Alwine. Sie kam vom Selter’schen gut (heute, 2025 Markt sechs) öfters herüber um Getreide, Kümmel oder Nordhäuser Doppelkorn zu kaufen. Sie meinte, den Schnaps bräuchte sie, um ihre Truthahnfüße vorm Kochen zu desinfizieren. Neugierig geworden, was sie mit dem ganzen Korn machte, schlichen ihr die zwei Lehrlinge vom Kunz’schen laden nach und sahen wie sie sich den Korn in der Toreinfahrt selbst einflößte.
Quelle:
Schkeuditzer Tageblatt, Nummer 32 vom 7. Februar 1932, zweite Beilage
