Schkeuditzer Museums- und Geschichtsverein e. V.

Erforschung und Verbreitung der Stadtgeschichte von Schkeuditz

Schkeuditz als Eisenbahnstation

Nachdem am 7.Dezember 1835 die erste deutsche Eisenbahnstrecke von Nürnberg nach Fürth in Betrieb genommen worden war, hatte ( wie man es damals formulierte) die
„bewegliche Dampfmaschine als Triebkraft für die Eisenbahn“ ihren Siegeslauf in Deutschland begonnen.

Die Gemühter der damaligen Zeitgenossen waren von dieser Errungenschaft so bewegt, dass man schrieb:
„ An Großartigkeit und allgemeiner Wichtigkeit werden alle Bau- und Kunstwerke des Altertums und Mittelalters von den Eisenbahnen übertroffen“ !
Der „kleine Mann“ und normale Bürger hingegen, der bis dahin nicht weit über die Grenzen seines Heimatortes hinaus gekommen war, fürchtete das gespenstige, Feuer speiende Wesen und wehrte sich mit ganzer Kraft gegen die Anlehnung des Schienenstrangs in die Nähe seiner „ Scholle“ . So erklärte sich dann auch die Entfernung mancher Stationen vom Wohnorte dessen Namen sie tragen.
Ebenfalls bereits 1835 trat in Magdeburg eine Gesellschaft zusammen, die den Bau einer Eisenbahnverbindung zwischen den Handelsstädten Magdeburg und Leipzig beschloss. Daraufhin wurden Reisen nach England, Belgien und Frankreich unternommen, um die nötigen Vorkenntnisse zu erlangen. 1837 wurden die Konzessionen zum Bau erteilt und im Juni 1839 wurde die erste Teilstrecke –Magdeburg –Schönebeck-, in Betrieb genommen.
Die Begeisterung über diesen Fortschritt wurde aber nochmals gedämpft.
Die Lokomotive eines übervollen Wagenzuges, der sich von Schönebeck kommend auf Magdeburg zu bewegte, war außer Kontrolle geraten. Der Dampfdruck ließ sich nicht mehr regeln, so dass der Zug ungebremst auf den Endpunkt zusteuerte. Während die Passagiere, die ihren unvermeidlichen Untergang vor Augen hatten auf ein Wunder hofften, geriet die Lokomotive auf einen im Bau befindlichen Absperrdamm und blieb darin stecken!
Die Bahnstrecke näherte sich nun Schkeuditz. Die notwendigen Flurstücke mussten per Entschädigung von den betroffenen Eigentümern erworben werden. In den meisten Fällen geschah dies gegen deren Willen, nur mit vorhandener Gesetzeskraft. Doch bald hatte man erkannt, dass von der Bahn auch eine Menge Vorzüge ausgehen würden. Also musste man sich jetzt auf einen Haltepunkt einigen. Vorgeschlagen wurden 2 Projekte.
Der 1.Vorschlag sah einen Haltepunkt nahe dem Gelände der ehemaligen Teerfabrik
(Dachpappenfabrik in der DDR ), also in der Flughafenstraße, an dem jetzt geschlossenen Bahnübergang. Dieser wurde hauptsächlich von den Geschäftsleuten in der Halleschen Straße gefordert und versucht durchzudrücken.
Der 2. Vorschlag sah einen Haltepunkt am damaligen Kirschberg, dem heutigen Haltepunkt am Ende der Bahnhofstraße, vor. Es wurde heftig gestritten bis eine Kommission sich für den 2. Haltepunkt entschied mit folgender Begründung:

  • der Platz dort war schon geebnet und lag dem Stadtzentrum näher –
  • die Aussicht vom noch anzulegenden Gasthofe auf das Elster-und Luppentale war prächtig
  • der Zugang zu diesem Platz war für die Stadt und die umliegenden Dörfer und Gemeinden leichter herzustellen.

Den Verfechtern des 1. Haltepunktes kam man soweit entgegen, dass man dort einen Bahnübergang einrichten werde. ( eben diesen, jetzt geschlossenen Übergang in der Flughafenstraße)
Nun musste nur noch über den Bau einer „Bahnhofsrestauration“ entschieden werden,
ebenso über den Halt der Züge und die Haltedauer.
Die privaten Bewerbungen wurden abgelehnt, da der Magistrat selbst bauen wollte. Man wollte der Stadt, ähnlich wie durch den Ratskeller, eine weitere Einnahmequelle verschaffen.
Über den Halt der Züge gab es Streitigkeiten mit dem Direktorium der Eisenbahngesellschaft.
Diese forderte eine unentgeltliche Raumnutzung zum „Billetverkauf“, sowie eine freie Wohnung für den Beamten! Von diesen Forderungen trat die Direktion später zurück.
Es gab aber noch ein anderes Problem, das „ Verbietungsrecht“ der hiesigen Braugenossenschaft . Dieses Privileg, ausgestellt am 3.2.1612 durch den Landesherren, berechtigte einer Korporation „Brauberechtigter Bürger“ in Schkeuditz Bier zu brauen und dies in einer festgelegten „ Bannmeile“ zu verkaufen. Des Weiteren hatten die Besitzer der Gasthöfe „ Zum blauen Engel“ und „Zur goldenen Sonne“ das Recht des vollkommenen Widerspruchs gegen das betreiben von Gasthöfen in anderen Häusern, sowie der Anlegung neuer Gasthöfe ( ist doch so etwas wie die Lizenz zum Gelddrucken, oder? ).
Somit entschloss sich die Braugenossenschaft selbst zum Bau des Restaurationsgebäudes.
In der strikten Trennung von Restauration und Verwaltung war nun die Eisenbahngesellschaft Mieter der von ihr benötigten Räume.
!841 wurde dann endlich die Strecke Halle-Leipzig dem Verkehr übergeben. Bereits 60 Jahre später , zur Jahrhundertwende, fuhren allein 45 Personenzüge fahrplanmäßig durch Schkeuditz! Es wurden im Jahr mehr als 300 Tausend Personen abgefertigt und rund
540 000,-Mark eingenommen. Eine stolze Entwicklung!
Heute ist an dieser Stelle der neue und moderne Haltepunkt entstanden, nachdem 2000 das bis dahin bestehende, 150 Jahre alte Bahnhofsgebäude abgerissen worden ist.

  • In einem der nächsten „ Geschichtssplitter“ soll noch einmal kurz auf 2 schwere Unfälle im Zugverkehr hier bei Schkeuditz und einen mysteriösen Leichenfund während des Baugeschehens eingegangen werden.