Schkeuditzer Museums- und Geschichtsverein e. V.

Erforschung und Verbreitung der Stadtgeschichte von Schkeuditz

Kaisereiche -zwischen Legende und Wahrheit-

Bäume sind Begleiter des Menschen, oft über mehrere Generationen. Sie werden manchmal zu besonderen Anlässen gepflanzt, oder wachsen eben einfach so im Wald. Sind diese Bäume dann oft mehrere Hundert Jahre alt, weiß niemand ob der Baum gepflanzt wurde, von wem und warum, oder ob er eben einfach von selbst durch Samen anderer Bäume gewachsen ist. Sehr alte Bäume, meist Eichen, erhalten dann auch irgendwann Namen wie KAISEREICHE womit man seine Wirkung und Mächtigkeit, verbunden mit dem hohen Alter, zum Ausdruck bringen will.

Gedenktafel

Eine solche Eiche stand bis in die 50-ger Jahre des vorigen Jahrhunderts in der Nähe von Maßlau. Es ist nun nicht ganz ohne Reiz, einige geschichtliche Ereignisse im Verlaufe dieser Jahrhunderte zu streifen. Erst da wird einem klar, was der Baum erlebt hat und was er hätte berichten können, wenn er es gekonnt hätte ! Den Germanen galten Eichen als geheiligte Bäume, geweiht von Donar und Thor, dem Gott des Donners und der Fruchtbarkeit. Viele Mythen lassen sich mit der Eiche verbinden. Im Jahre 1430, da dürfte die Eiche schon 300 Jahre alt gewesen sein, kämpften die Hussiten in den so genannten "Glaubenskriegen", um religiöse Freiheit und die Soldaten hatten da möglicherweise unter seiner Krone Rast gemacht. Auch gut 100 Jahre später, im Jahre 1547, könnten die Soldaten und kurfürstlichen Reiter im „Schmalkaldischen Kriege“ Rast unter der Eiche gemacht haben. Betrachtet man die nachfolgende Geschichte im Zeitraffer aus der Sicht unserer Eiche, so ist diese über Jahrhunderte immer wieder von leidvollen Kriegen geprägt. So folgten den verheerenden Ereignissen des 30-jährigen Krieges, 1618 bis 1648, der 3. Schlesische Krieg , besser bekannt als der 7-jährige Krieg, 1756 bis 1763, die Befreiungskriege gegen Napoleon mit der entscheidenden Völkerschlacht 1813 hier bei Leipzig, wie auch der 1. Weltkrieg, 1914 bis 1918, und zuletzt der 2. Weltkrieg von 1939 bis zum bitteren Ende 1945. Selbst diesen 2.Weltkrieg hatte sie, obwohl schon etwas morsch geworden, überstanden. Die Eiche hat aber auch frohe Ereignisse erlebt. Unter Ihr gab es jedes Jahr erneut ein Meer aus Wiesenblumen und mancher Pfingstausflug führte zu ihr. Doch Stürme, Blitzeinschläge und andere Einflüsse hatten ihr zunehmend schwer zugesetzt. Die Absenkung des Grundwasserspiegels durch den Bau der Flutrinne könnte auch mit eine Ursache für ihren Verfall gewesen sein. Noch mit Beginn des 20. Jahrhunderts war sie die "Beherrscherin" unseres Auenwaldes. Sie hatte einen Umfang von mehr als 8 Meter, eine Höhe von ca. 38 Meter und ihr Kubikinhalt wurde damals auf ca. 100 Festmeter geschätzt. Der Maßlauer Förster hatte Anfang des 20. Jahrhunderts das Alter auf etwa 900 Jahre geschätzt. Vor wenigen Jahren hat man, sofern man den Standort kennt, nur noch einen kläglichen Stummel gefunden.

Lageplan kljpg

Es gibt nun aber noch eine Eiche in unserer Nähe, die den Namen Kaisereiche trägt. Bei ihr ist es nicht das Alter was zu ihrem Namen führt, sondern ein anderes Ereignis. Dazu muss man ein wenig detaillierter recherchieren. So findet man im "Schkeuditzer Wochenblatt" vom Mittwoch dem 24.März 1897 einen Artikel, der dem Gedächtnistag der Geburt von Kaiser Wilhelm des I. vor 100 Jahren am 22.3.1797 gewidmet ist. Darin heißt es unter anderem, dass man nach den Feierlichkeiten, die im Saale des Gasthofes zur "Goldenen Sonne" stattfanden, zur Pflanzung einer Eiche in den Auenwald aufbrach. Diese wurde ganz in der Nähe der Wegkreuzung am "Stern" gepflanzt. Heute, rund 120 Jahre danach, hätte sicher niemand dem Ereignis eine besondere Bedeutung beigemessen, wenn nicht ein Zufall dazu den Anlass gibt.

So werden jedes Jahr Dinge, die einen geschichtlichen Bezug haben. von Bürgern, Institutionen,Verbänden etc. unserem Museum übergeben. Im vergangenen Jahr erhielt das Museum vom Schkeuditzer Bürger, Christian Reiter, eine gusseiserne Platte, die Zeugnis dieser feierlichen Pflanzung ist. Christian und sein Vater, Andreas Reiter, hatten nach dem Fund der total verrosteten Platte beschlossen, diese aufwendig zu restaurieren und sie der Öffentlichkeit als Museumsgabe zur Verfügung zu stellen. In der Ausstellung aller, dem Museum übergebenen Gegenstände des vergangenen Jahres, fand dieser Fund große Aufmerksamkeit. Für mich war es der Anlass, den Schkeuditzer Bürgern, in Form dieser Zeilen, einige wenige Zusammenhänge zum Thema "Kaisereiche" näher zu bringen.

Wolfgang Göhler    - Mitglied im Schkeuditzer Museums- und Geschichtsverein -

Quellen: Archiv Schkeuditzer Stadtmuseum

              Beitrag im Kulturspiegel Schkeuditz / September 1961      /    Beitrag im Schkeuditzer Wochenblatt / 24.Jahrgang, vom 24.03.1897